Ökumenischer Rat der Kirchen - Feature
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Zur Veröffentlichung frei: 16. Januar 2004


"Die Globalisierung begünstigt die Ausbreitung des Sexhandels"

Von Binu Alex

Junge christliche Delegierte, die am Weltsozialforum (WSF) in der indischen Handelsmetropole Mumbai teilnahmen, erklärten einstimmig, dass die Globalisierung die Zwänge verstärke, die eine Ausbreitung des Sexhandels zur Folge hätten.

Einen Tag vor der Eröffnung des WSF organisierte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) zusammen mit dem Nationalen Kirchenrat, der Christlichen Studentenbewegung und dem Ökumenischen Netzwerk asiatischer Studierender und junger Menschen in Indien eine Informationsreise nach Kamathipura, einem der größten Rotlichtviertel Indiens.

Zweck dieser Reise war es, so ÖRK-Jugendreferent Freddy Knutsen, den Besuchern und Besucherinnen die Möglichkeit zu geben, "sich ein Bild von den wirklichen Problemen zu machen".

Am 15. Januar morgens verfolgten Passanten neugierig, wie rund 50 junge Menschen aus aller Welt sich durch die überfüllten Straßen von Kamathipura hindurchschlängelten, wo allein in der Hauptstraße mehr als 100 000 Prostituierte ihre Dienste anbieten.

"Die Armen werden noch ärmer; das Schlechte wird noch schlechter; das ist es, was die Globalisierung den Menschen antut", erklärte der Generalsekretär der Christlichen Studentenbewegung in Indien, Samuel Jaykumar.

In Kamathipura wurden die jungen Delegierten mit den traurigen Realitäten konfrontiert.

Die Prostituierten, die überall mit gleichgültiger Mine herumstanden und Kleidung trugen, die mehr enthüllte als sie verbarg, boten ein Bild des Elends, in dem sich alle Ungerechtigkeiten des Lebens widerspiegelten. In den Gesichtern der Besucher, von denen die meisten zum ersten Mal Vertreterinnen dieser Tätigkeit sahen, konnte man Schock und Entsetzen lesen.

"Es ist unendlich traurig. Ich kann gar nicht sagen, wie entsetzlich ich es finde, dass diese Frauen auf den Status einer reinen Ware reduziert werden", sagte Andrea Fernandez aus Brasilien. Sie erinnerte daran, dass es in ihrem Heimatland nicht besser aussieht.

Neben ihrer Arbeit im Elend von Kamathipura haben die Prostituierten kaum Zeit, sich um ihre verwahrlosten Kinder zu kümmern. Sie sind den ganzen Tag voll damit beschäftigt, aggressiv um Kunden zu werben.

Wie alle Mütter träumen sie von einer besseren Zukunft für ihre fröhlich herumspielenden, unschuldigen Kinder. Aber wie eine Prostituierte zugab, folgen die meisten der Mädchen in die Fußstapfen ihrer Mütter und die Jungen werden Zuhälter wie ihre unbekannten Väter.

Kamathipura ist nach den Kamathis, den Migranten aus dem südindischen Staat Andhra Pradesh, benannt. Die erste Gruppe kam 1795 nach Mumbai, dem ehemaligen Bombay, und ihr Wohngebiet entwickelte sich nach und nach zum Rotlichtviertel der Stadt. Ende des neunzehnten Jahrhunderts war ihr Schicksal besiegelt.

Jedes Jahr landen Hunderte von hilflosen, Not leidenden Frauen aus dem ganzen Land und sogar aus dem benachbarten Nepal in Kamathipura. Einige von ihnen sind Opfer illegalen Sexhandels und andere sind aus purer wirtschaftlicher Not gekommen.

Mumbai, das besser für seinen überaus regen Börsenhandel und seine Filmindustrie, die weltweit die meisten Filme produziert, bekannt ist, ist das Traumziel aller Menschen, die in Indien einen angemessenen Lebensstandard erreichen wollen. In den meisten Fällen wird dieser Traum jedoch schnell zum Albtraum.

Überall, wo viele Migranten leben, sprießen Bordelle wie Pilze aus dem Boden, aber Kamathipura hat den Ruf, bereits in der britischen Kolonialzeit ein Prostituiertenviertel gewesen zu sein.

Heute locken die rot angemalten Lippen minderjähriger Prostituierter dubiose Passanten in Zimmer, die bereits voller Kunden sind.

"Aber da gibt es nicht viel zu verdienen. AIDS hat unser Geschäft kaputt gemacht. Für nur 10 Rupien (US$ 0,22) müssen wir uns an Männer verkaufen, die nicht gerade Vertrauen erweckend sind", sagte Minakshi junior.

Während Minakshi junior, eine Mittdreißigerin, an der Straßenecke zu tun hat, ist Minakshi senior, die einige Jahre älter ist, in ihre Heimatstadt "irgendwo in Nepal" zurückgekehrt, um ihren älteren Sohn in der zehnten Klasse anzumelden.

Namen haben hier keine Bedeutung. Es gibt Minakshis und Mohinis und Rukminis, die je nach ihrem Alter in junior oder senior eingeteilt sind. Einige werden einfach "Badiwalis" (die Älteren) und "Chhotiwalis" (die Jüngeren) genannt.

Draußen geht es chaotisch zu. Billige Restaurants, illegal gebaute Hütten, Straßenverkäufer, Müll, der überall herumliegt, und dazu die langen Autoschlangen, die permanent die Straßen verstopfen.

Wo immer es ein freies Plätzchen gibt, sieht man Prostituierte, die um Kunden werben.

Roopa (Name geändert) ist eine dieser armen Seelen, die mitten in diesem Chaos mit ihrem Körper hausieren gehen.

"Warum, glaubst du, sind diese Leute (die Delegierten) hier?" Roopa, die sich mit einer älteren Frau, vielleicht einer mütterlichen Freundin, unterhielt, wurde aggressiv: "Suchen Sie eine ‚pattaka' – eine Schönheit?" Die ältere, mongolisch aussehende Frau, die oben aus dem Fenster guckte, hatte ein wissendes Lächeln auf ihrem Gesicht.

Bunte Saris auf alten, zerbrochenen Asbestplatten ließen die ansonsten trostlose Umgebung freundlicher erscheinen.

Ständig auf der Lauer beobachteten die Zuhälter mit Unbehagen, wie die Delegierten sich mit den Frauen unterhielten. Es war ihnen nicht wohl dabei, weil sie nicht wussten, wohin das Gespräch führen würde.

"Gehört Ihr zu einem Überwachungsteam?", fragte Harish Rao zögernd. Er wollte sich nicht anmerken lassen, dass er ein Zuhälter war.

"Christen! Oh, das sind gute Leute, aber sie können uns nicht helfen", sagte Rao mit schwerem Akzent auf Marathi, der in dieser Region gesprochenen Sprache, die aber nicht seine Muttersprache ist.

Rao hat von den Entwicklungsprogrammen gehört, die Frauen und Kindern in Kamathipura helfen wollen, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Aber sein Hauptanliegen ist: „Wie wär's, wenn man einer Gemeinschaft, die bisher nur eine Einnahmequelle kennt, alternative Einkommensmöglichkeiten bieten würde?"

Leena Vaidya, eine Sozialarbeiterin, die seit drei Jahren in diesem Bezirk arbeitet, berichtet, dass es bereits einen festen Aktionsplan gibt, der darauf abzielt, Frauen und Kindern ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Aber es wird Zeit brauchen, bis die jahrhundertealten Gewohnheiten überwunden sind.

Raj Bharath Patta, ein Theologiestudent aus der Christlichen Studentenbewegung in Indien, bedauerte, dass die Zahl der Prostituierten in der heutigen Welt mit ihren angeblich unbegrenzten Möglichkeiten gestiegen ist.

In Kamathipura ist es streng verboten, Filme oder Fotos zu machen.

"Warum wollt Ihr uns filmen? Wir sind für euer Vergnügen hier. Ihr könnt unsere Körper haben", sagte Meenakshi, die sich nicht filmen lassen wollte, nicht einmal mit verdecktem Gesicht.

Als sie einen potenziellen Kunden sah, ging sie zurück an ihre Ecke und neigte ihren Kopf in Richtung hinduistischer Götter- und Göttinnenbilder, die an einer Mauer gegenüber der Straße hingen.

Mit dem bewegenden Bild von Meenakshi in ihren Herzen kehrten die Delegierten in die Methodistische Robinson-Memorial-Marathi-Kirche zurück. Im Bewusstsein, dass wachsende Armut und Verzweiflung zum Anstieg der Prostitution beitragen, gelobten sie, sich mit allen Kräften dafür einzusetzen, dass eine andere Welt möglich wird.

Binu Alex ist eine indische katholische Rundfunkjournalistin mit beruflichem Wohnsitz in Ahmedabad.

Informationen und Fotos zu den Aktivitäten des Ökumenischen Rates der Kirchen auf dem Weltsozialforum finden Sie auf unserer Webseite.
http://www.wcc-coe.org/wcc/what/jpc/wsf-2004-g.html

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Der Ökumenische Rat der Kirchen fördert die Einheit der Christen im Glauben, Zeugnis und Dienst für eine gerechte und friedliche Welt. 1948 als ökumenische Gemeinschaft von Kirchen gegründet, gehören dem ÖRK heute mehr als 349 protestantische, orthodoxe, anglikanische und andere Kirchen an, die zusammen über 560 Millionen Christen in mehr als 110 Ländern repräsentieren. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche. Der Generalsekretär des ÖRK ist Pfarrer Dr. Olav Fykse Tveit, von der (lutherischen) Kirche von Norwegen. Hauptsitz: Genf, Schweiz.