"Die ihr in diese Kirche eintretet, gedenket Richard Cobbes". Diese Worte, die an der Tür der St.-Thomas-Kathedrale eingemeißelt sind, weckten die Aufmerksamkeit der fast 250 Gläubigen, die an einem Gottesdienst zum Auftakt der Gebetswoche für die Einheit der Christen teilnahmen. Zu dem Gottesdienst hatte der Nationale Kirchenrat von Indien (NCCI) aus Anlass des Weltsozialforums (WSF) eingeladen, das zur Zeit in Mumbai stattfindet.
Cobbe war Pfarrer der Ostindien-Company, die diese Kirche im Jahre 1718 errichtet hat; sie war ursprünglich für die englische Gemeinde bestimmt und dem Heiligen Thomas geweiht, einem der Apostel Jesu, der nach der Überlieferung nach Indien gekommen war, um das Evangelium auszubreiten. Seit jener Zeit ist die Kirche im Herzen von Mumbai allmählich verfallen.
Am 18. Januar fand in der vollständig wiederhergestellten Kirche, die Weihnachten 2003 wieder feierlich ihrer Bestimmung übergeben worden war, ein Gebetsgottesdienst statt, in dessen Mittelpunkt die Losung der Gebetswoche, "Meinen Frieden gebe ich euch" (Joh. 14, 27), stand. In seiner Botschaft sagte der Bischof der Kirche von Nordindien in Bombay, Pfr. Baiju Gavit, "Christus stiftet den Frieden; Frieden kann aber nur werden, wenn wir seine Bitte, 'dass sie alle eins seien' erfüllen".
Der Generalsekretär des NCCI, Pfr. Dr. Ipe Joseph, sagte, der Kirche in Indien sei der "einzigartige Segen zuteil geworden, die nationale und weltweite ökumenische Gemeinschaft zur Feier der Gebetswoche für die Einheit der Christen und gleichzeitig das Weltsozialforum zu Gast zu haben."
"Der Geist des Weltsozialforums," so Joseph, "wird durch das Bekenntnis zur Einheit in diesem Gottesdienst zusätzlich unterstützt und bekräftigt." Die kraftvolle Aussage, "'Eine andere Welt ist möglich. Lasst uns daran bauen!' wurde vom Geist der Einheit bestärkt," sagte er.
"Dies ist eine gute Gelegenheit, und ich hoffe, dass diese jungen Menschen etwas aus ihren Erfahrungen lernen", meinte Bischof Gavit, und bezog sich dabei auf die etwa 50 christlichen Jugenddelegierten, deren Teilnahme am WSF vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) zusammen mit dem NCCI und der Christlichen Studentenbewegung in Indien ermöglicht worden war.
Vertreterinnen und Vertretern der örtlichen Kirchen und der Mitgliedskirchen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des NCCI und Delegierte der Christlichen Asiatischen Konferenz, des ÖRK, des Lutherischen Weltbundes und nationaler und internationaler Organisationen beteiligten sich an den Bibellesungen und Fürbitten und überbrachten Grüße.
Der Generalsekretär des Nationalen Kirchenrates von Pakistan, Victor Azariah, wies besonders darauf hin, dass zwischen Indien und Pakistan allmählich Friede wachse. Der Direktor des Nationalen Sikh-Studienzentrums, Prof. Mohinder Singh, überbrachte Friedensgrüße im Namen der Menschen anderer Religionen.
Die Weltgebetswoche "bietet Gelegenheit," führte Joseph weiter aus, "gemeinsam für die Einheit der Menschheit zu beten; die Anwesenheit von Vertreterinnen und Vertretern aus Pakistan und von Menschen anderer Religionen zeigt, dass das Gebet für die Einheit politische Feindschaft und religiöse Verschiedenheit überwindet."
"Wir empfinden es als Auszeichnung, dass wir mit Menschen zusammen sein dürfen, die unsere Ansichten teilen und sich für eine bessere Welt einsetzen," sagte Siji Samuel von der Mar-Thoma-Kirche und stimmte darin mit Prof. Singh überein. Im Rahmen des Gottesdienstes forderte der mit einem Turban bekleidete Singh in seiner Ansprache an die Gemeinde dazu auf, Gruppen zu bilden, die die Dalits in ihrem Kampf um ein menschenwürdiges Leben unterstützen.
Die Teilnehmenden an dem von Pfr. Packiam T. Samuel geleiteten Gottesdienst konnten bestätigen, dass Mumbai ein sehr geeigneter Ort für ein Forum sei, das nach Alternativen zur Globalisierung suche. Als Teil der Globalisierung biete Mumbai eines der besten und zugleich schlimmsten Beispiele für den Kolonialismus.
Als die Ostindien-Company Bombay zu einer Hafenstadt ausbaute, brachte sie das britische Herrschaftssystem mit, von dem Indien erst 1947 die Unabhängigkeit wiedererlangen konnte. Die Delegierten des WSF umlagerten die Kirche, denn sie ist ein wichtiger Anziehungspunkt für Touristen; täglich wird das Bauwerk von mehr als 100 Besuchern bewundert. Eine große Zahl der Skulpturen stellt Offiziere dar, die die britische Herrschaft gegen die indischen Provinzherrscher verteidigt hatten.
Unter den Neonlichtern von HSBC und ABN-Amro, zwei globale Wirtschaftsgiganten mit Geschäftsräumen auf der gegenüberliegenden Straßenseite, debattierten die Delegierten unter anderem über die Auswirkungen der Globalisierung auf die Menschen. Doch die Armen in Mumbai wissen offensichtlich kaum, was Globalisierung für sie bedeutet und weshalb das Weltsozialforum stattfindet.
"Glauben Sie mir, ich wusste gar nicht, wie gefährlich sie ist", sagte der Gärtner der Kirche, Raju Bansode, und ließ damit zwei Delegierte verstummen, die über die Gefahren der Globalisierung diskutierten. Bansode war offenbar nicht daran interessiert, etwas über das Für und Wider der Globalisierung zu erfahren; er musste noch die Blumen fertig gießen und eine Metro zu seinem Zuhause erreichen, das fast eine Stunde von dem kirchlichen Anwesen entfernt liegt.
Wie die Kirche von der überwiegend hinduistischen Gemeinschaft am Ort wahrgenommen wird, machten zwei kirchliche Haushilfen deutlich.
"Wir hatten keine Ahnung, dass wir an einem christlichen Ort arbeiten, weil wir das Gefühl haben, in unserer Gemeinschaft zu sein und von den Menschen geachtet zu werden", sagte eine der Hilfskräfte, Arjun Gere, ein Hindu. Das hinduistische System verbietet es Angehörigen der unteren vier Kasten, bestimmte Gottesdienststätten aufzusuchen. Sie haben ihre eigenen Tempel und dürfen die Häuser der obersten Kaste der Brahmanen nicht betreten. "Ich halte die Christen für die demokratischsten Menschen in der Welt. Es kümmert sie nicht, welcher Kaste, Hautfarbe oder Religion Sie angehören", meinte die zweite Haushilfe, Shiv Raj.
Mit den Worten eines internationalen Pressekorrespondenten war "die außerordentlich starke christliche Präsenz" eines der am meisten kommentierten Kennzeichen des Forums in Mumbai –diese Präsenz wurde auch von anderen Beobachtern, etwa dem ehemaligen Direktor der ÖRK-Kommission für Internationale Angelegenheiten (CCIA), Ninan Koshy aus Indien, und dem Programmreferenten für wirtschaftliche Gerechtigkeit, Rogate Mshana aus Tansania, wahrgenommen.
Koshy bezeichnete diese Präsenz als "eine sehr positive Veränderung", und hob hervor, wie wichtig es sei, dass "die Kirchen im Weltsozialforum eine aktive Rolle spielen." Mshana, der Leiter des ÖRK-Teams beim WSF, erinnerte daran, dass er im Jahre 2001 beim Forum in Porto Alegre der einzige ÖRK-Teilnehmer gewesen sei.
Als die Sonne hinter den Docks von Mumbai unterging, bestiegen die WSF-Teilnehmer, die an dem Gottesdienst für die Einheit der Christen in der St.-Thomas-Kathedrale teilgenommen hatten, die Busse, die sie draußen erwarteten, um sie in ihre Hotels und Pensionen zurückzubringen. Die örtlichen Gottesdienstbesucher eilten zur nahen Eisenbahnstation Churchgate, aber sie hatten es nicht so eilig wie an Werktagen, einen Zug nach Hause zu erreichen.
Binu Alex ist ein katholischer indischer Radiojournalist in Ahmedabad.
Informationen und Fotos zu den Aktivitäten des Ökumenischen Rates der Kirchen beim Weltsozialforum in Mumbai finden Sie auf unserer Webseite:
http://www.wcc-coe.org/wcc/what/jpc/wsf-2004-g.html |