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Zur Veröffentlichung frei: 9. April 2009


Christen weltweit zu Solidarität aufgerufen, um Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit zu überwinden

Gemeinsame Presseerklärung von LWB und ÖRK

Kirchliche Führungspersönlichkeiten und Menschenrechtsaktivisten/-innen wollen den Kampf zur Überwindung von Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit auf internationaler Ebene thematisieren. Die seit 3.500 Jahren praktizierte Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit ist eine Geißel, unter der auch heute noch hunderte Millionen Menschen weltweit leiden. Die Nachfolgekonferenz zur UN-Konferenz gegen Rassismus Ende April in Genf soll als erste Möglichkeit dienen, diese Strategie zu überprüfen.

Weltweit leiden etwa 260 Millionen Menschen unter der Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit, geschätzte 200 Millionen davon leben allein in Indien, das als größte Demokratie der Welt gilt. Während diese benachteiligten Menschen auf Grund einer brahmanischen rituellen Tradition, nach der sie als „schmutzig“ oder „verschmutzend“ galten, einst als „unberührbar“ bezeichnet und behandelt wurden, nennen sie sich heute selbst Dalits („unterdrückt“, „zerbrochen“).

Die Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit ist so tief verwurzelt, dass Kirchen und Menschenrechtsgruppen in Indien und anderen Ländern, in denen diese Form der Diskriminierung praktiziert wird, zu der Einsicht gelangt sind, dass sie das Problem allein schwer werden lösen können. „Wir brauchen Ihre Solidarität!“, appellierten sie an die Teilnehmenden der „Globalen ökumenischen Konferenz zur Gerechtigkeit für Dalits“, die vom 21. bis 24. März in Bangkok (Thailand) stattfand.

An der Konferenz, die vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) und dem Lutherischen Weltbund (LWB) organisiert und von der Asiatischen Christlichen Konferenz ausgerichtet wurde, nahmen 95 Leiter/-innen und Vertreter/innen von Kirchen und Menschenrechts- und Entwicklungshilfeorganisationen aus der ganzen Welt teil. Die Teilnehmenden beschäftigten sich mit der Geschichte und der Kultur der Dalits, erfuhren von Vergewaltigungen und Missbrauch von Dalit-Frauen, von unfreier Arbeit, Verbrechen an Dalits und der Ermordung christlicher Dalits durch hinduistische Fundamentalist/-innen.

Die Teilnehmenden der Konferenz in Bangkok begrüßten, dass verschiedene UN-Organisationen, wie zum Beispiel der Ausschuss für die Beseitigung der Rassendiskriminierung (Committee on the Elimination of Racial Discrimination, CERD), der Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau (Committee on the Elimination of Discrimination aginst Women, CEDAW) und die Internationale Arbeitsorganisation (International Labor Organization, ILO) Fortschritte bei der Bekämpfung von Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit gemacht hätten.

Die Teilnehmenden riefen in Erinnerung, dass das Problem der Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit im Jahr 2001 auf der UN-Konferenz gegen Rassismus in Durban (Südafrika) nicht behandelt worden sei. Gleichzeitig brachten sie aber auch ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass das Problem auf der anstehenden Nachfolgekonferenz zur Tagung in Durban internationale Aufmerksamkeit erfahren werde.

In einer Erklärung mit dem Titel Bangkok Declaration and Call (Erklärung und Aufruf von Bangkok) riefen die Teilnehmenden die internationale Gemeinschaft auf, den VertreterInnen der Dalits während der Nachfolgekonferenz zur UN-Konferenz gegen Rassismus „ein Forum für ihre Anliegen zu bieten“ und mahnten „alle teilnehmenden Regierungen, die Thematik der Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit in den Diskussionen zu berücksichtigen.“


Moralische Erklärung und Solidarität

Einige indische Aktivist/-innen versprechen sich von der Nachfolgekonferenz im April jedoch nicht all zu viel. „Die indische Regierung hat dafür gesorgt, dass das Thema der Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit in Genf nicht angesprochen wird“, so Vijaykumar Parmar, der für die National Campaign for Dalit Human Rights (Nationale Kampagne für die Menschrechte der Dalits) in Indien arbeitet.

Parmar appellierte an die ökumenische Gemeinschaft, eine „moralische Erklärung“ zu formulieren und so die Kirchen in der ganzen Welt auf das Problem der Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit aufmerksam zu machen. Zu den Teilnehmenden, die sich verpflichteten, die Kirchen weltweit über das Problem zu informieren, gehörte auch Pfarrer Dr. Lesley Anderson, Vorsitzender der Karibischen Konferenz der Kirchen (Caribbean Conference of Churches, CCC). Er versprach, das Problem gemeinsam mit seinen katholischen Kollegen in der CCC aufzugreifen.

Parmar merkte an, dass Guatemala auf der UN-Konferenz 2001 in Durban für die Interessen der Dalits eingetreten sei und wies darauf hin, dass auch die Hilfe kleiner Länder den Freiheitskampf der Dalits vorantreiben könne.

Mit der Erklärung von Bangkok verpflichteten sich die Teilnehmenden dazu, die Befreiung der Dalits zu einem zentralen Missionsthema zu machen. Die Erklärung ruft die Kirchen in Ländern, in denen es eine Kastenordnung gibt, auf, „sich solidarisch mit der Dalit-Bewegung zu zeigen und mit einer Stimme zu sprechen, um die Befreiung der Dalits zu erreichen.“

Laut der Erklärung wird von den Kirchen erwartet, dass sie Programme zur Bewusstseinsbildung einrichten, die Dalits in ihrem Kampf unterstützen, die Verbrechen, die auf dem Kastensystem basieren, beobachten und darauf reagieren, die Dalits ermutigen, ihre Kultur im Gottesdienst, in der Liturgie und in der Theologie zu leben, und Initiativen zugunsten von Dalit-Frauen zu unterstützen.

Außerdem wird die internationale Gemeinschaft aufgerufen, sich dafür einzusetzen, dass die manuelle Reinigung von Latrinen bis Ende 2010 endgültig abgeschafft wird. Diese entwürdigende Aufgabe, die die Kastenordnung den Dalits aufzwingt, bedeutet, dass sie menschliche Exkremente mit bloßen Händen aus Latrinen entfernen und in Körben zu Abladeplätzen tragen müssen.

Auch fordert die Erklärung die Kirchen in Ländern, die weniger oder von anderen Problemen betroffen sind, auf, Mittel für Solidaritätsarbeit im eigenen Land und in Ländern, in denen es eine Kastenordnung gibt, bereitzustellen und den Austausch untereinander und Besuche vor Ort zu ermöglichen.

Von Kirchen in Ländern, die das Problem der Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit selbst nicht kennen, wird erwartet, dass sie sich bei ihren Regierungen und bei privaten Firmen und Banken in ihrem Land, die in die indische Wirtschaft investieren, dafür einsetzen, dass Dalits durch die Investitionen die gleichen Chancen auf einen Job haben, wie alle anderen.


Augenmerk auf Gewalt gegen Dalits


Um eine internationale Kampagne gegen Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit zu unterstützen, ruft die Erklärung von Bangkok die weltweiten ökumenischen Organisationen auf, ihre Arbeit zur Förderung von Gerechtigkeit für Dalits weiter auszubauen. Insbesondere sollen sie ihr Augenmerk auf die Gewalt gegen die Dalits richten und ihre Mitgliedskirchen und die Allgemeinheit darüber informieren.

Die Erklärung beinhaltet auch die Forderung nach der Einrichtung einer Arbeitsgruppe für die Nachbereitung der Konferenz in Bangkok.

Gleichzeitig verpflichteten sich die Teilnehmenden der Konferenz, in ihren Ländern über die Solidaritätskampagne für die Dalits zu informieren und sie somit zu internationalisieren.

„Mit Jesu Liebe in meinem Herzen werde ich mich weiterhin einsetzen für Gerechtigkeit und die Freiheit der Dalits, der Afrikaner und Afrikanerinnen und anderer unterdrückter Völker, einschließlich meines eigenen. Denn als Christen und Christinnen müssen wir die Last der anderen mutig und ohne Angst mit tragen“, betonte Ashraf Tannous von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land.

Erklärung von Bangkok (auf Englisch, pdf, 76 KB):
http://www.oikoumene.org/fileadmin/files/wcc-main/documents/p2/2009/BangkokDeclaration.pdf

Weitere Informationen zur Konferenz auf der LWB-Website:
http://www.lutheranworld.org/Arbeitsfelder/Biamr/BIAMR-Dalits_Gerechtigkeit.html

Mehr über die Arbeit des ÖRK zum Thema Solidarität mit den Dalits:
http://www.oikoumene.org/?id=3249&L=2

Weitere Informationen: Juan Michel,+41 22 791 6153 +41 79 507 6363 media@wcc-coe.org


Der Ökumenische Rat der Kirchen fördert die Einheit der Christen im Glauben, Zeugnis und Dienst für eine gerechte und friedliche Welt. 1948 als ökumenische Gemeinschaft von Kirchen gegründet, gehören dem ÖRK heute mehr als 349 protestantische, orthodoxe, anglikanische und andere Kirchen an, die zusammen über 560 Millionen Christen in mehr als 110 Ländern repräsentieren. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche. Der Generalsekretär des ÖRK ist Pfarrer Dr. Olav Fykse Tveit, von der (lutherischen) Kirche von Norwegen. Hauptsitz: Genf, Schweiz.